Was Sando-Karate für mich und meine Entwicklung bedeutet

 

 

 

Eigentlich wollte ich schon als Kind mit Karate beginnen, aber da hatte ich keine Möglichkeit. Es gab in Bielefeld noch keinen Verein,

 

der Training anbot. Später konnte ich aufgrund meiner Arbeitszeiten nicht beginnen, aber in Hilden, wo ich damals wohnte, gab es

 

einen Verein. Der war aber nur zu Beginn ganz gut, später nicht mehr, darum bin ich gegangen.

 

Zeit meines Lebens war ich ja sehr schüchtern und wollte unbedingt etwas dagegen tun. Mein Wunsch verstärkte sich, als mir einen

 

Nachmittag auf dem Weg zur Tankstelle, wo ich mein Auto abholen wollte, so ein ekeliger Typ einfach an die Brust packte. Er sagte

 

zu mir:"Los, komm mit!" Mir kribbelte es in den Fingern, denn ich hätte dem am liebsten eine saftige Ohrfeige gegeben, habe mich

 

aber nicht getraut. Mein Selbstbewußtsein war so gering, dass ich mich allein deshalb nicht wehren konnte. Ich hätte mich nie getraut,

 

einem anderen Menschen zu widersprechen.

 

Nachdem ich in Hilden nicht mehr trainieren konnte, habe ich einen neuen Verein gesucht, habe mir eine Liste mit Karate-Vereinen

 

schicken lassen. So habe ich Sandokan gefunden, denn ich konnte nun in D-Gerresheim im Gymnasium bei Arthur trainieren. Die

 

ersten Kontakte mit Didi fanden nur über unsere Anrufbeantworter statt. Aber ich konnte endlich wieder trainieren, welches mir sehr

 

gefehlt hatte.

 

Im ersten Jahr bei Didi habe ich so viel gelernt, dass ich kurz hintereinander den 4.Kyu und zwei Monate später den 3.Kyu machen

 

durfte. Ich war total glücklich und habe mit Begeisterung jede Woche eine neue Kata gelernt, von Bassai-Dai bis Kanku-Dai mittwochs

 

bei Didi in Meerbusch-Büderich. Das Training allein fördert das Selbstbewusstsein sehr, aber noch viel besser ist es, wenn man beginnt

 

Unterricht zu geben, Trainer zu werden. Wenn Mensch zuerst auch sehr nervös ist und sich wie ich zuerst eigentlich gar nicht traut,

 

sich vor eine Gruppe zu stellen: Es lohnt sich wirklich!

 

Sehr gut erinnere ich mich an meine ersten Stunden als Trainerin, wieviel Angst ich hatte, etwas falsch zu machen. Teilweise fühlte

 

ich mich so unwohl, dass ich am liebsten in einem großen Loch komplett verschwunden wäre. Die Zeit verging irgendwie überhaupt

 

nicht, oder nur so zäh wie Kaugummi, das sich immer wieder zusammenzieht. Mit meinen ersten fünf Karateschülern, die auch

 

angemeldet wurden, konnte ich ja nur die ersten Techniken üben und zum Schluss übte ich mit ihnen Theorie im Mondo.

 

Bald merkte ich: Du kannst Unterricht geben, es läuft ganz gut! Didi meint ja im kalten Wasser bewegt man sich schneller.

 

Zwei oder drei Monate vorher passierte Folgendes:

 

Als ich schon ein paar Monate bei Arthur trainiert hatte, kamen alle wie üblich freitags abends zum Training. Arthur war leider krank

 

und weil ich der höchste Gürtel war, sollte ich das komplette Training übernehmen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine Erfahrung

 

als Trainerin, ich hatte nur schon ein paar Mal das Aufwärmtraining geleitet. Die Gruppe in Oberbilk gab es da noch nicht.

 

Das Aufwärmen lief auch ganz gut und die Grundtechniken auch. Soweit war alles prima bei meiner ersten Trainerstunde. Dann

 

wollte ich mit den Schülern ihre Katas üben. Als 5.Kyu, der ich da noch war, kann man den Ablauf der ersten Katas ja schon ganz

 

sicher, aber eine Kata laufen oder sie zu lehren ist wirklich zweierlei. Die ersten beiden Katas konnte ich auch schon gut zählen,

 

bis dahin war alles gut. Aber dann wollte ich mit ein paar Schülern Heian Nidan üben, aber diese Kata war komplett aus meinem

 

Gedächtnis verschwunden, ich konnte gerade noch die ersten Techniken, dann war Ende. Das war für mich ganz schrecklich, da

 

zu stehen und nicht mehr weiter zu wissen, also großes Loch auf, Annette rein, Loch wieder zu. Dann habe ich für mich alleine

 

noch mal die Kata geübt, mir fielen die Techniken langsam wieder ein. So konnte ich die Heian-Nidan doch noch mit den Schülern

 

üben und ich hatte meine Sicherheit wieder! Das war meine erste Erfahrung als Trainerin und es war nicht gut.

 

Bald hatte ich außer der Gruppe in Oberbilk noch zwei weitere in Unterbach und ein paar Monate später noch zwei in Düsseldorf-

 

Hamm. Ich bin froh, diese Erfahrung gemacht zu haben. Wenn irgendwelche Probleme mit Eltern oder Schülern auftauchen, weiss

 

ich, wie ich diese lösen kann. Sollte ich es allein nicht schaffen, steht immer Didi hinter mir und das ist gut zu wissen!

 

Seitdem ich hier in Bielefeld wohne, sind schon mal Schwierigkeiten mit Eltern oder Schülern aufgetreten, die ich aber allein

 

lösen konnte. Zwei Schüler musste ich sogar vom Unterricht ausschliessen, weil sie sich nicht benehmen konnten und gegen

 

jede pädagogische Maßnahme immun waren. Diese Schüler störten ständig den Unterricht, normales Training war mit diesen

 

Kindern nicht mehr möglich.

 

Ich glaube, mir ist es nach und nach immer besser gelungen, Karate in mein Leben zu integrieren. Ein Leben ohne Karate gibt

 

es für mich nicht mehr, denn ich möchte außer meinem deutlich gestiegenen Selbstbewußtsein auch meine Fitness bewahren

 

bzw. wieder verbessern. Außerdem benötige ich den Kontakt zu meinen Karatefreunden, meiner Karatefamilie. Das ist sehr

 

wichtig für mich, für mein Wohlbefinden. 

 

Karate hat mir geholfen, wirkliches Selbstbewusstsein aufzubauen, wenn es auch manchmal kompliziert war. Heute kann ich mich

 

wie zum Beispiel beim Sennefest, auf eine Bühne stellen und den Zuschauern das Training meiner Schüler erklären. Früher hätte

 

ich mich nie getraut, ich wäre vor Angst fast gestorben und hätte kein Wort sagen können.

 

Leider ist es nur so, dass mein Selbstbewusstsein nicht sehr stabil ist. Immer wieder ist es mir passiert, dass mich jemand, zu

 

dem ich grosses Vertrauen hatte, sehr enttäuscht hat. Das war vor meiner Karatezeit, aber deshalb bin ich sehr vorsichtig und

 

es dauert sehr lange, bis ich jemandem vertrauen kann. Es ist zwar viel besser als früher, aber stabil ist mein Selbstvertrauen

 

leider nicht.

 

Shihan

 

Annette Beckmann